INTERVIEW: ALEXANDER HOH

2009 erschien das Buch “In kleinen Gruppen, ohne Gesänge. Unterwegs mit den Hamburg Hooligans” von Alexander Hoh, in dem er die Erlebnisse der Hamburg Hooligans aus den 1980er- und 1990er-Jahren zu Papier gebracht hat. Das ist mittlerweile ganz schön lange her. Umso mehr freuen wir uns, dass wir Alex dafür gewinnen, eine Lesung bei uns zu veranstalten, damit auch die Jugend in den Genuss lustiger Anekdoten von damals kommt, als der HSV noch Titel gewann, die DDR noch real existent war und sich die Strafverfolgung von Fußballgewalttätern im Normalfall auf ein paar Hiebe mit dem Schlagstock beschränkte.

Kommt vorbei, am 15. Dezember 2016 um 19:00 Uhr! Nach der Lesung habt Ihr die Möglichkeit, euch euer Exemplar von “In kleinen Gruppen ohne Gesänge” signieren zu lassen. Wer noch keins besitzen sollte, kann es natürlich bei uns erwerben. Dieses geht auch schon jetzt, also für den Fall dass ihr es nicht schaffen solltet und noch ein passendes Weihnachtsgeschenk sucht. Cheers!

zum BUCH

CASUAL COUTURE: Alex, fast acht Jahre nach der Veröffentlichung von “In kleinen Gruppen ohne Gesänge” – wie ist der Status Quo? Gehst Du noch immer mit Arne und Björn ins Stadion oder hat sich nach Dresden 1995 eine erneute Wende in Deinem Leben ergeben?

ALEX: Die Beiden sitzen in der Tat immer noch neben mir und wir ertragen mehr oder weniger tapfer was da gerade mit unserem Verein passiert. Die einzige erwähnenswerte Änderung  in meinem Leben seit erscheinen des Buches ist, dass ich Vater geworden bin. Das kann man dann aber auch getrost als “erneute Wende” bezeichnen.

CASUAL COUTURE: Wird man eigentlich als Autor des in der Szene wohl am meisten beachteten Hooligan-Buches im Stadion erkannt?

ALEX: Es passiert äußerst selten das mich mir unbekannte Menschen auf das Buch ansprechen. Und ich befürchte das ist dann auch überwiegend meinem schlechten Personengedächtnis geschuldet. 

CASUAL COUTURE: Apropos “am meisten beachtet”: Vor geraumer Zeit erschien das fiktive Buch “Hool”, das vom Leben als Fußballkrawallmacher bei Hannover 96 handeln soll und für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Ironischerweise wurde es von jemandem geschrieben, der nie dabei war. Was geht einem durch den Kopf, wenn ein solches Machwerk erscheint?

ALEX: Der Autor hat ja niemals einen Zweifel daran gelassen, dass das Buch fiktiv ist. Von daher geht das für mich völlig in Ordnung. Man stelle sich nur mal vor alle Krimiautoren müssten eine Vergangenheit als Mörder oder Kommissar haben.

CASUAL COUTURE: Ein interessanter Punkt. Aber ergibt sich nicht damit automatisch das Problem, dass der Leser einen vollkommen falschen Eindruck vom Thema bekommt? Konkret: Während Dein Buch die ganze Nummer ja eher als spaßige Veranstaltung thematisiert – von der Dresden-Fahrt einmal ab gesehen – hat man bei “Hool” den Eindruck, in der Hooliganszene würden sich beinahe ausschließlich deprimierte Lebensverlierer herumtreiben.

ALEX: Ich denke die meisten Leser werden das schon richtig einschätzen können. Wenn es sich um einen ausdrücklich fiktiven Roman handelt, kann der Autor die Charaktere und deren Biographien ja gestalten und überspitzen wie es ihm gefällt. Ich hab damit keinerlei Sorgen.

CASUAL COUTURE: Zurück zu Deinem Buch: Viele, die nach der Hochzeit der Hamburg Hooligans beim Fußball sozialisiert wurden, haben Dein Werk geradezu verschlungen. Wenn man mit den Leuten sprach, gab es immer wieder die Aussage, dass man die geschichten teilweise gar nicht glauben kann. Woran könnte das liegen?

ALEX: Ehrlich gesagt, habe ich manche Stellen sogar “entschärft”, weil das sonst kaum jemand glauben könnte. Das Umfeld war für uns viel “verbraucherfreundlicher” und viele Sachen könnten heute so nicht mehr passieren. Gerade in der Anfangszeit war die Polizei auf verabredete Ausschreitungen überhaupt nicht eingestellt und man konnte der Ordnungsmacht des öfteren ein Schnippchen schlagen. Später wurde es schon schwerer, heutzutage wären wir alle mit lebenslangen Stadionverbot belegt worden. 

Allerdings wurde mir auch oft bestätigt, dass viele Leute, die auch heutzutage beim Fussball unterwegs sind, einige Situationen so ähnlich auch schon mal erlebt haben. Man erlebt damals wie heute viele verrückte Sachen, gerade auf Auswärtsfahrten.

CASUAL COUTURE: Meinst Du, Deine Erlebnisse könnten die Funktion eines “schlechten Vorbildes” erfüllen? Gab es nach der Erstveröffentlichung dahingehend gegebenenfalls bereits Kritik?

ALEX: Nein. Und dahingehende Kritik ist mir bis jetzt nicht zu Ohren gekommen.

CASUAL COUTURE: Ein kleiner Exkurs: Klamotten! Die finden ja bei Dir kaum Erwähnung. Trotzdem dahingehend die Frage: Wie verbreitet war modische Kleidung damals bei den Hools in Hamburg und Deutschland? Was ist Dir besonders in Erinnerung geblieben? Was waren die Klassiker, was ging gar nicht? Was war deiner Meinung nach ein Must-Have und welche Kleidung war das größte Verbrechen?

ALEX: Ich habe mich schon immer mehr für Musik als für Mode interessiert. Deswegen kann ich hier leider auch nicht die damals angesagten Labels lückenlos aufzählen. Modische Kleidung spielte aber sowohl in Hamburg als auch in Deutschland eine große Rolle. Wenn man sich so die Bilder von früher betrachtet gab es schon einige modische Straftaten. Besonders schlimm: Latzhosen und die Hose dann auch noch bis knapp unter das Knie hochgekrempelt. Unbedingt mitzuführen war ein Halstuch oder ähnliches um es sich gegebenenfalls über das Gesicht zu ziehen. Und als unvergessliches Highlight bleiben aus modischer Sicht die Fahrten kurz nach dem Mauerfall in den Osten. Das war wirklich schlimm. 

CASUAL COUTURE: Und Dein favorisiertes Fußballoutfit – damals und heute?

ALEX: Ganz am Anfang Doc Martens, Jeans, Harrington, Fred Perry. Später wurde es sportlicher mit Turnschuhen (Gerne Reebok) und Kapuzenpullovern. Ich habe letztens ein altes Bild aus Bremen gesehen. Dort werfe ich gerade was in die Luft (es waren Butterblumen wenn ich mich recht entsinne). Dort lugten unter meiner etwas zu kurzen Röhrenjeans weiße Tennissocken hervor… Heutzutage laufe ich immer noch eher sportlich beim Fussball herum. Chucks, Jeans und meistens Ami-Skaterkram. Carhartt, Dickies, Vans. Irgendwie muss man ja noch den jugendlichen Schein bewahren, obwohl man hart auf die Fünfzig zusteuert…

CASUAL COUTURE: Aus der Oldschool-Sicht: Was hältst Du von der Casual-Kultur?

ALEX: Ehrlich gesagt ist das so ziemlich an mir vorbei gegangen. Als werktätiger Vater ist es schon schwierig genug, beim aktuellen Zeitgeschehen und bei den neusten Punkscheiben auf dem Laufenden zu bleiben.

CASUAL COUTURE: Was erwartest Du von der Lesung am 15. Dezember? Wird es in der Rückrunde 2016/2017 eine Renaissance im Joghurtbecherweitwurf geben? Wird Zöllers Geschäftsidee des Glühweinverkaufs am Schweriner See doch noch ein Erfolg?

ALEX: Ich hoffe auf einen netten Abend. Ich bin mal gespannt wer sich noch für so ein altes Buch interessiert. Im übrigen wäre Joghurtbecherweitwurf ja beinahe olympisch geworden, dann wurde im letzten Moment doch noch Golf vorgezogen. Für den Glühweinverkauf am Schweriner See könnte ich mir die aktuelle Führung der HSV AG gut vorstellen. Der geschäftliche Erfolg wäre zumindest identisch. 

LESUNG: Donnerstag, 15. Dezember 2016 – 19:00 Uhr
Casual Couture Hamburg – Thielbek 5 – 20355 Hamburg